Der Alptraum

Wow, das hast Du noch nie gesehen, nicht wahr? Du überlegst dir, ob Du hingehen sollst, denn Du weißt ja nicht, was Dich dort erwartet. Doch dann siehst Du sie! Sie, die schöner ist, als der Morgentau, sie, deren Augen glänzender sind als Gold in der Sonne, sie, das Mädchen Deiner Träume, für die Du durchs Feuer gehen und die Du sogar vor einer Horde hungriger Wölfe beschützen würdest. Du siehst sie an, und sie sieht Dich an. Wie schön sie doch ist! Ihr Gesicht, ihre Haare und ihr wohlgeformter, wunderbarer und halbnackter Körper. Endlich, nach all den Jahren bist Du mit Deiner Suche am Ende. Sehnsüchtig gehst Du auf sie zu, erreichst sie, und ihr schließt Euch in die Arme. Die Luft knistert, ihre Lippen erwarten bebend einen Kuss von Dir. Ihr Mund nähert sich dem Deinigen, Du kannst ihren süßen Atem spüren, und endlich…

Ahhh, AHHH, Hilfe, was ist los? Scheiße wo bin ich? Mamiih!!! Was geht ab?

Du liegst in Deinem Bett, die Regentropfen plätschern an Deinen Rolladen. Dein Puls rast und es ist Montagmorgen. Deine Traumfrau hat sich in Luft aufgelöst und ist nur noch ein schwacher aber herrlicher Schatten. Du zeichnest sie noch einmal in Deiner Phantasie nach und erahnst ihren Körper. Noch in Gedanken an diese wundervolle Frau, diese Lolita Deiner Träume, fällt Dein Blick auf die Uhr, und was Dir gerade wie Sekunden erschien, dauerte in Wirklichkeit 25 Minuten! Und Du begreifst, daß Dein Traum zu Ende ist und daß Dich die harte, unfreundliche Realität erwartet. Wo ist bloß das Wochenende geblieben? Wo ist diese kurze, aber schöne Zeit der Freude? Und wo ist diese göttergleiche Frau? Panisch, mit der Uhr im Blick, ziehst Du Dich an, machst Dich frisch und packst alles zusammen, was Du für diesen Tag benötigst. Langsam wird Dir klar, daß eine freudlose Woche voll harter Arbeit vor Dir liegt, wie schon an so vielen unzähligen Montagen davor. Du machst Dich auf den Weg, und Du beginnst dieses wunderbare Mädchen zu vergessen. Dein Weg ist lang, doch Du bist schnell, denn die Zeit sitzt Dir wie ein Geschwür im Nacken. Aber endlich, schon in Angst unpünktlich dort anzukommen, erreichst Du es! Tja, das hast Du schon oft gesehen, nicht wahr? Du übedegst Dir, ob Du hingehen sollst, denn Du weißt ja nicht, was Dich dort erwartet. Doch dann siehst Du ihn! Ihn, der strenger ist als ein mittelalterlicher Kerkermeister, ihn, dessen Blick stechender ist als 1000 Nadeln, ihn, den Züchtiger Deiner Alpträume, für den Du alles hinter Dir lassen würdest, um ihm zu entkommen, dem Du das ewige Fegefeuer wünschst, und den Du am liebsten schutzlos einer Horde hungriger Wölfe zum Fraß vorwerfen würdest. Du siehst ihn an und er sieht Dich an. Wie schrecklich er doch aussieht! Seine Fratze, seine Nase, sein untersetzter zu klein geratener und immer in autoritäres Grau gekleideter Körper. Jetzt, nach all der Hetzerei bist Du mit Deiner Kraft am Ende! Ängstlich gehst Du auf ihn zu und erreichst ihn. Er reibt sich hämisch grinsend die Hände und verschränkt seine Arme vor der Brust. Die Luft knistert. Er erwartet eine Entschuldigung von Dir, doch Dein Mund ist vor Angst ganz ausgetrocknet. Du riechst seinen sauren Atem, und plötzlich …

Ahhh, AHHH, Hilfe, was ist denn jetzt schon wieder? Wo bin ich? Was ist passiert? Was soll das? Du liegst in Deinem Bett, die Sonnenstrahlen durchstoßen den nur teilweise heruntergelassenen Rolladen, Dein Puls rast und es ist Sonntag morgen.

Es war alles nur ein Alptraum! Du hast wie schon oft davor, wieder einmal von der Schule geträumt, und alles war wie immer furchtbar real. Du bist froh, daß alles nur ein Traum war, daß heute Sonntag ist, und daß du noch das halbe Wochenende vor Dir hast. Zufrieden legst Du Deinen Kopf auf das Kissen und genießt die friedliche Morgenruhe (wohliger Seufzer). Da Öffnet sich die Tür, Deine Mutter kommt herein und sagt: „Hey, Schlafmütze, steh auf, sonst kommst Du zu spät zur Schule!“

Und Du starrst auf Deinen Kalender … und es ist Montag … !!!



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