Radwallfahrt der Heimschule 1992

29 Heimschüler mit dem Fahrrad auf Pilgertour
Nach fast tausend Kilometern am Grab des Apostels Jakobus
Am Ende waren alle erschöpft aber glücklich – Die Reise vermittelte jede Menge Eindrücke

„Ob ich wohl Santiago de Compostela erreichen werde?“ – schrieb eine Teilnehmerin der Fahrrad-Wallfahrt angesichts der anfänglichen Strapazen in das Pilgerbuch einer Kirche. Drei Wochen später erreichte sie dann nach einigen Anstrengungen ihr Ziel, zusammen mit allen anderen 29 Fahrradpilgem der Heimschule. Bis zum Ziel im äußersten Nordwesten von Spanien hatte man allerdings 946 Kilometer durch das hoch sommerliche Spanien radeln müssen, um das legendäre Grab des Apostels Jakobus zu erreichen.

Tipp: Fotos durch anklicken vergrößern und als Fotostrecke ansehen.

Die Widrigkeiten eines heutigen Pilgers sind nicht mehr Straßenräuber, wilde Tiere oder gefährliche Pässe; die drei Kleinbusse der Heimschule wurden auf ihrem Weg nach Südfrankreich von Streiks und Benzinmangel aufgehalten. Mit einem Tag Verspätung kamen die Santiagopilger am berühmten Augustinerkloster Roncesvalles an, dem Ausgangspunkt der Fahrt. Den Segen in der Pilgermesse am Abend vor der Fahrt spendete für die vielen Rad- und Fußpilger der zufällig anwesende Paderborner Erzbischof Degenhardt.

Um den fast 1000 Kilometer langen Weg durch Nordspanien bewältigen zu können, war die Strecke in 16 Etappen eingeteilt, zwei Ruhetage eingeplant worden – s. Etappen-Plan & -Karten (PDF, 4 MB). In Gruppen von fünf bis sieben Personen galt es, die Tagesstrecken von 50 bis 80 Kilometer zu bewältigen. Das ganze Gepäck mit Ausnahme von Zelt und Schlafsack mußte jeder in den Satteltaschen selbst transportieren. Die vielen Tausend Pilger, die sich jährlich aufmachen, um am Fest des spanischen Nationalheiligen Jakobus (25. Juli) in Santiago zu sein, nehmen fast alle denselben Weg; er wurde von Papst Calixtinus im 12. Jahrhundert festgelegt. So trafen die Ettenheimer Radwallfahrer immer wieder viele bekannte Fußpilger, die Jugendgruppe der Pfarrgemeinde aus Achern oder den Alleinreisenden Wim aus Holland.

Das Begleitteam mit Heimschulpfarrer Gerhard Hauk und Erzieherin Christiane Fiedler mußten sich tagsüber, während die Radpilger gegen Hitze und Steigungen kämpften, um die Verpflegung und die Unterkunft kümmern. In den Pilgerherbergen werden die vielen Fußpilger bevorzugt, so daß die große Ettenheimer Gruppe in Turnhallen und Schulsälen, in Priesterseminare und Polizeistationen und auf Campingplätzen übernachtete.

„So haben wir uns Spanien überhaupt nicht vorgestellt“, meinten viele Schüler, im Hinterkopf noch die Sandstrände und Bettenburgen aus den Werbeprospekten der Reiseveranstalter. Zu ihrem bisherigen Spanienbild gehörten bisher nicht die fruchtbaren Getreidefelder in der Meseta und die weltberühmten Weinanbaugebiete von Rioja, nicht die heißen Hochebenen von Kastilien und das regnerische Galicien, auch nicht die unbeschreibliche Vielfalt und Schönheit von Dörfern und Kirchen. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen bei den Fahrradpilgern die Spanier selbst mit ihrer ungetrübten Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft – sei es bei Fragen nach dem Weg, bei der Reparatur der Fahrräder oder beim nicht ganz einfachen Einkauf in den „Tante Emma-Läden“.

In den hohen galicischen Bergen steht mit dem „Cruz de Ferro“ das einfachste und zugleich eindrucksvollste Wegkreuz des „Camino de Santiago“. Einen riesigen Steinhaufen am Fuß des Kreuzes haben seit Jahrhunderten die Pilger selbst aufgeschüttet, mit Steinen, die sie aus ihrer Heimat auf diesen Paß getragen haben – 30 Steine aus Ettenheim liegen nun auch dabei. Für jeden Geschmack gibt es noch viele andere eindrucksvolle Orte auf dem Jakobsweg oder, wie er auch genannt wird, dem Sternenweg: riesige Kathedralen „aus Licht und Stein“ wie in den alten Königsstädten Burgos und Leon, unscheinbare romanische Totenkirchlein oder die Kathedrale in Santo Domingo de la Calzada, in der in Erinnerung an ein Wunder ein Käfig mit lebenden Hühnern steht. Prachtvolle gotische Königsgräber wechseln mit uralten einfachen Pilgergräbern.

Unzählige Kirchen und Klöster aller Baustile besuchten die Schüler der Heimschule – meist aus Kunstinteresse, einige nur, um sich einen Stempel für den Pilgerpaß zu holen, manchmal auch nur, weil es dort einfach kühl war. In den schönen Gottesdiensten und durch die täglichen Morgen- und Abendimpulse der Schüler erhielten die Teilnehmer wertvolle Akzente innerhalb des Wallfahrtsthemas „Sternenweg unseres Lebens“.

Am Ende der 16. Etappe fuhr man schließlich noch den „Monte del Gozo“, den „Berg der Freude“ hoch; dieser letzte Hügel gibt den Blick auf das lang ersehnte Ziel Santiago de Compostela frei. Aus Freude über die Ankunft und über die Zuverlässigkeit seines Transportmittels trug ein Schüler gar sein Fahrrad die letzten Meter auf den Berg. Stolz über die eigene Leistung, froh über die Ankunft und in Gedanken ging die große Ettenheimer Pilgergruppe von der „Puerto del Camino“ zur Kathedrale. Mancher hätte gern gewußt, ob schon einmal jemand aus seiner Heimatgemeinde als „Peregrino“ zu Fuß oder mit dem Fahrrad in Santiago eingezogen ist und seine Hand in die tiefen Fingermulden an der Säule im Hauptportal gelegt hat.

Spätestens in der Nacht vor dem Jakobsfest sind alle Jakobspilger auf dem riesigen Platz vor der Kathedrale versammelt. Jeder Zuschauer, hat er auf seiner 1000 Kilometer langen Reise noch so viel erlebt, wird das einstündige Feuerwerk und die Illumination der Kathedrale nicht mehr vergessen können. Wochenlang feiern Spanier, Pilger und Touristen mit Festgottesdiensten, Konzerten, Prozessionen und Straßenfesten das „Apostolo“ zu Ehren des Heiligen.

Anders als die Vorfahren, die zu Fuß wieder zurück mußten, benutzten die moderneren Heimschulpilger für den über 2000 Kilometer langen Rückweg durch Spanien und Frankreich Bahn und Auto. Der glücklichste Moment war für die Organisatoren Gerhard Hauk und Thomas Dees die Ankunft in der Heimschulkapelle und die Freude, daß dieses große und lange vorbereitete Unternehmen mit nur einer kleinen Schürfwunde und 28 Reifenpannen glücklich zu Ende ging. (Thomas Dees & Gerhard Hauk, Ettenheim 1992).

Etappen-Plan


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.